Die Chronik eines Mannes, der den Sturm umarmte
120 Kilo Hoffnung
Maskenpflicht. Neonlicht.
Siggi steht im Support auf einer Spitalstation,
gefangen zwischen Verordnungen und Stille.
Ein junger Mann zeigt ihm sein Handy.
Auf dem Display: ein Kite über türkisem Wasser.
Ein Funke, der erst Monate später Feuer wird.
Wenig später, bei Arbeit in Baar:
Kollege D wirft das Handtuch — Schulter raus, Angst drin.
Siggi übernimmt das Erbe.
Während 200 bis 300 Mann ins Homeoffice verschwinden,
hockt er mit einer Handvoll Getreuer in der leeren Firma.
Er wiegt 117 Kilo.
Ein Turm von einem Mann, der keine Ahnung vom Wind hat —
aber den Hunger eines Wolfs.
Portugal & die Igel-Diät
Fuerteventura war das Vorgeplänkel.
Geduldiger Sand, lernende Hände.
Der erste Schritt eines Mannes,
der noch nicht wusste, wie tief der Wind ihn führen würde.
IKO Level 1 — Discovery. Sigmar Karstens. Approved.
Wind aus der Hölle.
Fischer, die dir die Linie zerschneiden.
Das erste Mal die volle Kraft des Kites in den Knochen.
Und dann die Taufe: Seeigel.
Nicht einer. Dutzende.
Die Stacheln steckten in den Füßen,
der Schmerz brannte bei jedem Schritt im Sand.
Trotz allem: IKO Level 2 — Intermediate. Der Bulle läuft.
"Pissen wie ein Kamel"
Siggi merkt: irgendwas stimmt nicht.
Er rennt alle zehn Minuten aufs Klo.
Der Körper schreit, was der Kopf noch nicht weiss.
Schockdiagnose. Medikamente. Massiver Stress.
Krach in der Firma.
Innerhalb kürzester Zeit verliert er 30 Kilo.
November.
Siggi ist nur noch eine Hülle.
Geistig und seelisch tot.
Ein Schatten, der nicht mehr weiß, wer er ist.
Das Nidecker-Manifest
Seelenverwandte.
Sie zieht ein altes, schwarzes Nidecker Platinum aus dem Keller.
Zwischen Migros-Tüten und Christbaumkugeln.
Ein Brett, das vergessen schien.
Drei Worte. Mehr brauchte es nicht.
Siggi verschanzt sich.
Schleifen, bis die Finger bluten.
Zeichnen, bis der Kopf klar wird.
Malen, bis die Seele wieder Farbe hat.
In Dauerschleife läuft Heavn — Kite in a Hurricane.
Das Board wird zur Therapie.
Er baut es zum Balance-Board um.
Jeden Tag auf der Holzrolle.
Jeden Tag ein Kampf um das Gleichgewicht,
das er verloren geglaubt hatte.
Wasser, das brüllt.
Ein Kite, der zieht.
Eine Kompassrose am Fuss —
für den Mann, der wieder gelernt hat, wo Norden ist.
Jede Welle ein Pinselstrich.
Jeder Pinselstrich ein Tag, an dem er nicht aufgegeben hat.
Vom Wrack zum Wind — und vom Wind zum Herzen eines anderen.
Der erste Teil endete im November.
Eine Hülle auf einem Sofa. 30 Kilo weniger Mensch.
Doch dann kam Sandra. Dann kam das Board.
Und dann — fing der Wind wieder an zu rufen.
Silvaplana · El Gouna · Walchwil · St. Peter-Ording
Das Foto, das damals auf einem fremden Handy aufblitzte —
ein Kite über türkisem Wasser — ist jetzt seine Realität.
Gelber Helm. Eigenes Brett. Eigener Wind.
Drei Jahre vorher konnte er die Stiege ins Klo nicht mehr unauffällig finden.
Jetzt steht er auf dem Wasser
und der Kite zieht ihn so leicht,
dass es aussieht, als sei das alles nie passiert.
Maske gegen Sand und Sonne.
Lycra in Orange.
Der Finger zeigt direkt in die Linse.
Das ist nicht der Mann, der vor Jahren 117 Kilo wog
und nicht wusste, wie der Wind sich anfühlt.
Das ist eine Haltung.
Eine Identität, die er sich erarbeitet hat —
Stück für Stück, Stunde für Stunde, Wunde für Wunde.
Der pinke Kite im Hintergrund ist nicht seiner.
Aber er ist Teil seiner Welt geworden.
Eine Crew aus Fremden, die zu Brüdern wurde
Damals — beim ersten Versuch in Dakhla —
war es eine Nullnummer.
Kein Wind, kein Lohn.
Nur Sand und Stille.
Heute kennt er die Leute, die im Sand sitzen, beim Namen.
Sie haben ihn aufgehoben, als er fiel.
Sie haben ihn nicht aufgehoben, als er fallen musste, um zu lernen.
Sie haben ihn ausgelacht und mit ihm gelacht.
Lachend. Wie ein Kind.
Im Arm eines Freundes, der die Geschichte kennt —
oder vielleicht nicht kennt, und gerade deswegen versteht .
Im November war Siggi eine Hülle auf einem Sofa.
Hier ist er ein Mensch,
der trägt, weil er sich tragen lassen kann.
Wo der Wind ihn hingeführt hat
Bushaltestelle Sagenbrugg in der Schweizer Provinz. Schild auf einem Nordsee-Strand. Zwei Orte, zwei Welten — und ein Mann, der überall den gleichen Wind sucht.
IKO Lizenz · Level 4 · fast 5
Aus gesundheitlichen Gründen
Nicht aufzugeben. Aufzuhören.
Ein Unterschied, den nur jemand begreift,
der einmal aufgegeben hat und weiss,
was es kostet, zurückzukommen.
Der Körper, der durch die 42 ging.
Der 30 Kilo verlor.
Der wieder lernte zu stehen, zu balancieren, zu fliegen.
Dieser Körper sagt jetzt: genug.
Siggi hört zu.
Nicht weil er muss.
Sondern weil er gelernt hat, dass der Körper recht hat, wenn er spricht.
Bis auf ein Stück.
Das schwarze Nidecker Platinum, das Sandra ihm aus dem Keller holte.
Das er drei Monate lang schliff, bis seine Finger bluteten.
Das er bemalte, bis seine Seele wieder Farbe hatte.
Dieses Board behält er nicht. Aber er verkauft es auch nicht für sich.
Der Mann, dessen eigenes Herz durch alle Dunkelheit hindurchgeschlagen hat — gibt seinen Wind weiter an Herzen, die ihn brauchen.
Kein Cent bleibt bei Siggi.
Damit es weiterleben kann.
Das Werk · am See
Der Mann · noch im Wind
Die Farbe ist nicht gleichmässig.
Der Lack hat Stellen, an denen man die Schleifrichtung sieht.
Die Kompassrose am Fuss ist von Hand gezeichnet —
keine Vorlage, keine zweite Chance.
Wer genau hinsieht, findet die Spuren der Bohrlöcher,
wo früher die Bindung sass.
Es ist nicht perfekt. Es war nie perfekt. Es soll nicht perfekt sein.
Es ist ein Stück Holz, das ich in einem Keller gefunden habe —
geschenkt von Sandra,
in einer Zeit, in der ich nicht mehr wusste, ob ich überhaupt noch da bin.
Drei Monate lang habe ich daran geschliffen, bis meine Finger bluteten.
Drei Monate lang habe ich Farbe drauf gegeben, weil ich selbst keine mehr hatte.
Und irgendwann — ich kann dir nicht genau sagen wann —
habe ich gemerkt, dass das Board nicht ich war, der zurückkam.
Sondern das Board war der Weg.
"Es ist nicht perfekt.
Doch es hat mir Kraft
und mir mein Leben zurückgegeben.
Ja, es tut weh.
Doch ich werde versuchen,
das weiterzugeben."
Dieses Board muss crashen.
Wenn du es kaufst, sollst du damit nicht in eine Vitrine gehen.
Du sollst damit fahren.
Du sollst es benutzen, bis es bricht —
denn nur dann hat es seine Aufgabe erfüllt.
Wenn du nicht selbst kitest oder snowboardest,
dann häng es an die Wand und erzähle die Geschichte weiter.
Erzähle sie deinen Kindern, deinen Freunden,
jedem, der gerade in seiner eigenen 42 steckt.
Das Geld, das du dafür gibst, gehört nicht mir.
Es gehört einem Schweizer Herzprojekt —
weil mein Herz durchgekommen ist,
und weil andere Herzen das auch verdient haben.
Wenn dieses Board eines Tages bricht, wirf es nicht weg.
Verbrenn es.
Im Garten, am Strand, irgendwo wo Wind ist.
Das Board hat sein Leben gelebt —
gönn ihm einen Abschied, der zu ihm passt.
Ich bin fast 60.
Ich habe alles verkauft.
Aus gesundheitlichen Gründen.
Mein Körper sagt: genug.
Aber dieses Board kann weiter. Mit dir.
Trag es weiter. Lass es crashen. Gib es weiter.
Bewegung statt Worte. So fühlt sich das an.
Dieses Board ist nicht perfekt. Genau deshalb ist es echt.